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Akifra-Vortrag / Filmfest 2006

Der Ewige Gärtner oder was wollen die Pharmakonzerne in Entwicklungsländern?

Guten Abend liebes Publikum, liebe Freunde

nach diesem Film fragt man sich, was der pensionierte englische Diplomat und Autor des Ewigen Gärtners John Le Carré erfunden hat und was an dieser Geschichte wahr ist. Er widmete sein Buch einer 1999 in Albanien verunglückten Entwicklungshelferin namens Yvette Pierpaoli, die er als Vorbild für die Figur der Tessa Quayle bezeichnet. Le Carré hatte sie in den 70er Jahren kennen gelernt und war von ihrer unermüdlichen Arbeit begeistert. Le Carré schreibt im Nachwort “: ...eines kann ich mit Bestimmtheit sagen: je tiefer ich in den pharmazeutischen Dschungel eindrang, desto klarer wurde mir, dass mein Roman, verglichen mit der Wirklichkeit, ungefähr so harmlos ist, wie eine Urlaubspostkarte“. Zitat Ende. Eine weitere traurige Tatsache ist auch, dass in Kenia das Buch nicht nur verboten ist, weil die vorletzte Regierung darin als korrupt bezeichnet wird, es kamen auch Menschen ums Leben: Nach der Veröffentlichung des Buchs wurde John Kaiser erschossen. Er hatte Le Carré bei den Recherchen für seinen Roman geholfen und arbeitete in Kenia u.a. für sozial randständige Gruppen. Bekannt war Kaiser für seine kontinuierliche Kritik, die er seit über 30 Jahren an der Menschenrechts-Politik Kenias übte. Auch der Schuldirektor David Mogambi Nyakambi in dessen SlumSchule in Nairobi die FilmProduktion beherbergt wurde, verunglückte im Juni 2005. Le Carré erklärt, dass er vielen Personen, die ihm bei den Recherchen zum Film geholfen haben, nicht namentlich danken kann, da sonst ihr Leben gefährdet wäre. Bevor ich zum Skandal um ein hochpotentes und gut verträgliches Kraut namens Artemisia komme, das Malaria heilt, jahrzehntelang von einigen Pharmakonzernen schlecht geredet wurde und die WHO deshalb bis 2005 gegen den Einsatz der Pflanze war, aber jetzt u.a. in unseren Projekten angebaut wird, möchte ich einige Daten zur Beziehung von Pharmakonzernen und Entwicklungsländern nennen. Sämtliche Daten sind den ausliegenden Broschüren von BUKO, verschiedenen Internetseiten von OXFAM, der britischen Stiftung Welcome Trust und der University of Oxford entnommen. In der britischen Channel-4-Reportage „Dying for Drugs“ von Briand Woods und Michael Simkin finden sich die dokumentarischen Beweis für die Praktiken einiger pharmazeutischer Firmen in der Dritten Welt.
Gehen wir weiter der Frage nach, was an dem Film der Ewige Gärtner wahr ist.
Tatsächlich gibt es die Organisation, die gegen negative Geschäftspraktiken der Pharmakonzerne arbeitet und im Film den Namen Hippo trägt. Es ist die deutsche NGOrganisation BUKU-Pharmakampagnen. Ähnlich wie Oxfam, HAI und andere Nichtregierungsorganisationen setzt sich BUKU für den Zugang aller Menschen zu unentbehrlichen Medikamenten ein und unterstützen das Konzept der Weltgesundheitsorganisation (WHO), nach deren Meinung etwa 300 Arzneimittel ausreichen würden, um 95% aller medikamentös behandelbaren Krankheiten zu heilen. Nach Angaben von OXFAM verstößt die Tatsache, dass seit Jahrzehnten nicht einmal die Versorgung mit diesen lebenswichtigen Arzneien in Entwicklungsländern gesichert gegen die Menschenrechte. Neue Präparate wie AIDS-Medikamente stehen meist unter Patentschutz und sind für die Armen unerschwinglich. Nach Angaben von BUKO sind die deutschen Pharmakonzerne zwar Spitzenreiter im Exportgeschäft doch sind 40% dieser Medikamente, die in der Dritten Welt vermarktet werden, wirkungslos, unsinnig zusammengesetzt oder gefährlich. Manche dieser Präparate sind in Deutschland sogar verboten. Überflüssige und teure Medikamente belasten die knappen Gesundheitskassen der armen Länder. BUKO deckt viele dieser Missstände auf und erreichte in vielen Fällen auch, dass gefährliche Medikamente zurückgezogen wurden. Ich möchte ihnen nur kurz einige Beispiele gefährlicher Medikamente Made in Germany vorstellen: So war der gefährliche Blutfettsenker Lesterol® von Hoechst/Aventis noch sechs Jahre lang gut genug für BrasilianerInnen, obwohl das Medikament in den USA und Deutschland längst nicht mehr verkauft wurde, ähnlich wurde das Durchfallmittel Oletron® mit dem Wirkstoff Clioquinol in Drittweltländern verbreitet, obwohl es den sogenannten SMON Skandal ausgelöst hatte, weil die Einnahme zu Augenschäden und schweren Nervenkrakeiten mit Lähmungen geführt oder gar zum Tod geführt hatte. Oder es werden Tabletten auf den Markt gebracht, die angeblich gegen Erkältung, Grippe oder Heuschnupfen helfen sollen, aber sechs verschiedene Wirkstoffe enthalten, darunter das alte Malariamittel Chinin (E. Merck in Südafrika), was dann wieder Resistenzen von Malariaerregern erzeugen kann. Hustenmittel, die unsinnigerweise zugleich hustendämpfend und sekretlösend wirken (Transpulmin Xarope®/Degussa) oder gar den für Kinder gefährlichen Wirkstoff Kampfer enthalten (Transpulmin® Sup. Ped./Degussa). Im Kreuzfeuer der Kritik standen eine gefährliche Bayer-Hautsalbe sowie das Schmerzmittel Dolviran®, das in Ländern der Dritten Welt – anders als in Deutschland – nierenschädigendes Phenacetin enthielt. Beide Mittel wurden laut BUKO in der Dritten Welt ohne jegliche Benennung von Nebenwirkungen vermarktet. In einer Werbeanzeige für die Hautsalbe Baycuten® in Nigeria hieß es: Viele Probleme – eine Lösung: Baycuten® für die Soforttherapie. Dass das Präparat – eine Mixtur aus einem Pilzmittel, einem Antibiotikum und Kortison – Hautschäden und Wachstumshemmung bei Kindern verursachen sowie die Widerstandskraft gegen Infektionen herabsetzen kann, wurde tunlichst verschwiegen. Fünf Jahre später wurde die Bayer-Salbe immer noch auf dieselbe irreführende Weise vermarktet. Das Präparat gehört bis heute zum Firmensortiment in vielen Ländern der Dritten Welt. Wirkungslose teure Aufbaumittel oder Stärkungssäfte wie Bayer´s Tonic®, die schon vor gut 20 Jahren wegen hohem Alkoholgehalt von 10 Prozent und unsinnigen Inhaltsstoffen (so z.B. Leberextrakte und Hefe) von BUKO, HAI und OXFAM als negativ beurteilt wurden, verabreichen indische Eltern immer noch ihren Kindern häufig, im Glauben, sie damit gesünder zu machen. Gerade unterernährte Kinder können jedoch bei regelmäßiger Anwendung einen lebensbedrohlichen Leberschaden entwickeln. Es gibt viele weitere Beispiele die ich hier aufzählen könnte. .., doch um an dieser Stelle etwas Zeit zu sparen lesen sie dies in den Broschüre „Sprudelnde Geschäfte“ von BUKO oder auf den angegebenen Webseiten nach, in denen weitere unsinnige Arzeimittel aufgeführt sind. Gravierend ist auch die Behinderung durch Pharmakonzerne bei der Entwicklung von billigeren Medikamenten und Generika. Beispielsweise wurde Südafrika 3 Jahre lang durch Gerichtsverhandlungen daran gehindert, eigene AIDS-Medikamente herzustellen, bis u.a. der nordrheinwestfälische Konzern Bayer die Klage und sein Heer von Anwälten zurückzog. Internationale Proteste machen immer wieder darauf aufmerksam, dass manche Pharmakonzerne zum Schutz ihrer Patente den Entwicklungsländern Gerichtsverhandlungen und Schadensersatzklagen androhen. Nur weil Brasilien den Pharmakonzernen trotzte und die Androhungen von Handelsanktionen ignorierte – und seit 1997 preiswerte Generika herstellte, u.a. anti-retrovirale Medikamente – ist es Brasilien erfolgreich gelungen, die AIDS-Todesrate effektiv zu halbieren. Zurück zur Frage, was an dem Film real ist und was nicht. Auch mit dem Film der Ewige Gärtner überein stimmt die Tatsache, dass die Pharmakonzerne nicht verpflichtet sind zu veröffentlichen, wie und wo sie ihre Tests durchführen oder wie ihre Medikamente hergestellt werden. BUKO meint überdies, dass ca. 85 Prozent der deutschen, im Ausland vertriebenen Arzneimittel von der Exportkontrolle nicht erfasst werden. Zwei Gründe dafür: Erstens exportieren deutsche Firmen in der Regel nur zu einem kleinen Teil Fertig-Arzneimittel. Hauptsächlich wird Halbfertigware oder sogenannte Bulkware ausgeführt, die zwar fertig zubereitet, aber noch nicht für VerbraucherInnen verpackt ist. Diese Waren fallen nicht unter das Arzneimittelgesetz und werden demnach nicht kontrolliert. Zweitens produzieren viele deutsche Firmen aber auch einfach im Ausland, dann gibt es gar keine Kontrolle. Skandalös sind diese Praktiken auch, weil deutsche medizinische Produkte und Medikamente in vielen Ländern der Dritten Welt nach wie vor als Produkte von besonders hoher Qualität gelten. Eine Zulassung in Industrieländern mit vermeintlich hohen Kontrollstandards wie in den USA oder Deutschland gilt in vielen Ländern des Südens als Garantie für Sicherheit. 45 Prozent der von BUKO negativ bewerteten Arzneimittel sind Mischungen aus mehreren Wirkstoffen – so genannte Kombinationspräparate. Manche dieser Mittel enthalten über 20 verschiedene Substanzen. In Deutschland hingegen gelten Kombinationen von mehr als drei Wirkstoffen in einem Medikament schon seit 1991 als unsinnig und werden von den Krankenkassen nicht mehr erstattet. International werden sie als irrationale Mittel gebranntmarkt. Problematisch sind solche Wirkstoff-Cocktails vor allem deshalb, weil die Wechselwirkungen der einzelnen Bestandteile im Körper nicht vorhersehbar sind. Die unerwünschten Wirkungen einzelner Wirkstoffe addieren oder potenzieren sich sogar. Außerdem ist es bei solchen Präparaten nicht möglich, Einzelsubstanzen individuell zu dosieren. So wenig wie die Herkunft, taugen auch Firmengröße oder traditionsreiche Namen als Qualitätskriterium für Medikamente. Die zehn größten deutschen Firmen stellen seit Jahren zusammen mehr als 90 Prozent des deutschen Arzneimittelangebots in Ländern der Dritten Welt. Gemeinsam sind sie für 90 Prozent aller negativ bewerteten Präparate verantwortlich. Ein großes Familienunternehmen wie Boehringer Ingelheim bürgt laut BUKO mit 56,5% irrationalen Mitteln im Firmensortiment ebenso wenig für Qualität, wie die Kleinen im Pharmageschäft eine weiße Weste haben: Kleinere Firmen wie Nattermann oder Dr. Kade bieten zwar nur eine handvoll Präparate in Ländern des Südens an, doch kein einziges davon kann nach den Kriterien von HAI als sinnvolles Arzneimittel gelten. Bei Madaus und Merz sind von 11 bzw. 17 in der Dritten Welt vermarkteten Mitteln rund 90 % irrational. Die meisten Negativpräparate (178) bietet Aventis an, allerdings machen diese Präparate „nur“ 30 % des riesigen Produktangebots aus. Alle 15 Sekunden stirbt ein Kind an Krankheiten, die auf elende Wohnverhältnisse und einen Mangel an sauberem Trinkwasser zurückzuführen sind. Denn schlechte Lebensbedingungen schwächen die Abwehrkräfte und fördern die Ausbreitung von Infektionen. Kleinkinder in der Dritten Welt sterben darum häufig an banalen Erkrankungen, die bei uns in der Regel harmlos verlaufen. Millionen Kinder sterben jährlich an Durchfall und an Atemwegserkrankungen. Umso skandalöser ist es, dass deutsche Pharmafirmen gerade gegen solche Erkrankungen unzählige fragwürdige und riskante Kinder-Arzneien verkaufen. John le Carré spricht mit seinem Roman gewichtige Themen an: die soziale Verantwortung großer Konzerne und deren rücksichtsloses Streben nach Gigaprofiten in einem der größten Business-Sektoren der Welt. Nach Angaben der britischen Reportage Dying for Drugs, verdiente sie im Jahr 2002 ca. 430 Milliarden Dollar und steht neben den kommerziellen Banken, der Erdölindustrie auf den ersten Plätzen der Hitliste der erfolgreichsten Branchen. Sie besitzt das Potenzial, Gutes zu tun, aber auch Schaden anzurichten. Sie hat weltweit eine der größten Lobbys. Um das panische Behüten ihrer Patente und die hohen Preise zu rechtfertigen Pharmakonzerne sagen, die Entwicklung eines neuen Medikaments koste ca. 800 Millionen Dollar –. Dies bezweifeln viele Aktivisten. Es wird vermutet, dass die Konzerne eher ihr Marketingbudgets damit speisen. Die Pharmakonzerne verweisen dabei gerne auf die immens hohen Forschungs- und Entwicklungskosten. NGOs kontern, dass die Konzene diese Kosten in den seltensten Fällen selbst schultern, sondern auf mit öffentlichen Geldern geförderte Untersuchungen zurückgreifen – und die Ergebnisse dann als Geheimnis hüten. Aktivisten sehen eines der größten Probleme darin, dass viele Pharma-Firmen wahre Innovationen oft ignorieren (wie beispielsweise die gegen Malaria wirksame Artemisia annua). Profitabler zu vermarkten sind einfach die Medikamente gegen die Wehwehchen des reichen westlichen Markts, wie Fettsucht, Herzkrankheiten, Haarausfall und geriatrische Impotenz. 70 Milliarden Euro werden jedes Jahr in die Entwicklung neuer Produkte gegen diese Live-Style-Krankheiten gesteckt. Diese Leiden sind bestens erforscht und medikamentös behandelbar, während die unprofitablen und außer Kontrolle geratenen Krankheiten in den Entwicklungsländern vernachlässigt und teilweise außer Acht gelassen werden. Es gäbe kein finanzielles Potenzial in den Tropen - meinen die Pharmakonzerne und manche Pressesprecher der Pharma-Industrie erinnern daran, dass es sich bei ihnen nicht um Unternehmen mit philanthropischem Auftrag handelt, dass ihre Hauptverantwortung die gegenüber ihrer Aktionäre ist. Zumindest das ist ein Punkt, bei dem die Firmen und ihre Kritiker übereinstimmen. Ein ehrenamtliches internationales Gremium an Wissenschaftlern, Ärzten und Pharmazeuten, das für BUKO und HAI arbeitet, kritisieren insgesamt, dass:

  • von 1975-1999 weltweit 1393 neue Medikamente auf den Markt kamen.
    Schätzen sie mal wie viele von den 1393 zur Behandlung von tropischen Krankheiten waren?
    Weniger als 500; weniger als 100 oder weniger als 50? Es waren genau 13 Stück.
  • Weiterhin kritisieren die genannten NGOs, dass 80% des Arzneimittelabsatzes in Europa, Japan und Nordamerika stattfinden, aber 81% der Weltbevölkerung in Afrika, Asien, im Mittlerem Osten und Lateinamerika leben, also vor allem viele tropische Krankheiten von der Pharmaforschung vernachlässigt werden. Das sind z.B. Tuberkulose und Tropenkrankheiten wie Malaria.
  • Die Wissenschaftler kritisieren drittens, dass die Vermarktungspraktiken der Pharmakonzerne oft der Gesundheit schaden. Irreführende Werbung und mangelhafte Produktinformation führen zur falschen Anwendung von Medikamenten.

Von den Menschen in unseren kenianischen Projekten bekommen wir immer wieder zu hören, dass sie keinen Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten haben oder diese nicht in den Apotheken vorrätig sind, diese zu teuer oder unwirksam seien. Gerade bei Malaria ist dieser Zustand besonders prekär. Wir wissen, dass die meisten AntiMalariaMedikamente vor 50-70 Jahren entwickelt wurden, als Malaria in Industrieländern noch ein Problem war oder koloniale Interessen eine Rolle spielten. Bis in die 1990er Jahre hinein gab es Malariaforschung fast ausschließlich in den Laboren des Militärs. Malaria ist aber bis heute eine der Krankheiten, an der weltweit jährlich ca. eine Million Menschen, vor allem Schwangere und Kinder, sterben und 500 Millionen Menschen jährlich neu erkranken. Seit mehreren Jahren wenden verschiedene Organisationen Artemisia annua gegen Malaria in Afrika an und fördern die Anpflanzung in den betroffenen Gebieten. Auch Akifra e.V. gehört zu diesen Organisationen. Das Kraut der Artemisia annua (in China „Qinghao“ genannt) wird seit etwa 2000 Jahren in China als Fieber- und Malariamittel verwendet. Während der chinesischen Kulturrevolution begann eine systematische Überprüfung alter Schriften über Pflanzenheilkunde. Dabei stellte sich heraus, dass ein Extrakt aus Artemisia annua nicht nur schnell Fieber senken konnte, sondern auch Malariaparasiten wirksam abtötet und das Immunsystem stärkt. Die erste klinische Studie in 12 chinesischen Krankenhäusern an 2099 Patienten im Jahre 1973 bestätigte diese jahrtausendalten Erkenntnisse. In Naturheilkreisen und Homöopathie ist Artemisia seit dem Mittelalter keine Unbekannte. Die Kraft, Wirkung und Eignung der europäische Art, Artemisia vulgaris, zu Deutsch Beifuß, wird beispielsweise in Kräuterlexika des 16. Jahrhunderts ausführlich beschrieben. Unter anderem soll Artemisia bei Fieber, Leber- und Nierenproblemen helfen und Monatsblutungen regulieren. Die WHO, die über die Vergabe von Forschungsgeldern entscheidet, hat die Erkenntnisse der chinesischen Pharmakologin Tu Youyou zu Artemisia annua über drei Jahrzehnte nicht anerkannt (und die Appelle vieler NGOs bspw. von „Ärzte ohne Grenzen“ ignoriert. Darüber hat im Juni 2006 das Wissenschaftsmagazin GEO ausführlich recherchiert und berichtet.) Artemisia ist nach diesen Studien eine nachhaltigere und zugleich billigere Lösung ohne Nebenwirkungen für das Malaria-Problem weltweit als die in Industrieländern produzierten Pharmaka (bspw. Lariam oder Malaron). Die WHO hat sich im Jahr 2006 dem Druck von unten gebeugt, die Wirkung gegen Malaria bestätigt und fördert jetzt die Herstellung von Artemisinin. Die afrikanische Artemisia annua wirkt jedoch nicht nur gegen Malaria: Derzeit wird Artemisia in Afrika zusammen mit anderen Pflanzen auf ihre Wirksamkeit in verschiedenen Aids-Stadien getestet. Im Kongo werden inzwischen seit einem Jahr Erfolge erzielt. Nachdem der Tee oder Artemisia-Pastillen an die Aidspatienten gegeben wurden, stellte sich eine Stärkung des Immunsystems ein. Wie alle HIV-Positiven leiden und sterben sie nicht an AIDS, sondern an einer Folgekrankheit, gegen die sich ihr Körper wegen der aidsbedingten Immunschwäche nicht wehren kann. Zu hoffen bleibt, dass mit der Verbreitung der Artemisia auch ein Paradigmenwechsel in der Medizin beginnt: Es würden dann nicht mehr Symptome mit teuren Pillen behandelt, die zu Resistenzen führen und die sich arme Menschen nur selten leisten können. Vielleicht bewirkt der Druck der Zivilgesellschaft auf die Pharmakonzerne auch eine stärkere Reflexion und Veränderung fragwürdiger Beziehungen zu Patienten der Entwicklungsländern und der WHO. Schluss: Kommen wir am Ende noch einmal auf den Film und die Frage zurück, was daran wahr ist. Der Slum, in dem der Film gedreht wurde, den gibt es wirklich. Es heißt Kibera und liegt bei Nairobi: 56 Prozent der Bevölkerung von Kenia lebt unterhalb der Armutsgrenze. Das bedeutet, dass 15 Millionen Menschen mit weniger als 80 Cent am Tag auskommen müssen. Die Bewohner von Kibera haben noch deutlich weniger. Hunderte von Menschen laufen täglich auf der Hauptstraße aus dem Slum zur Arbeit, weil sie sich die 30 Cent für die Busfahrt nicht leisten können. Mehr Menschen als je zuvor leben heute in absoluter Armut. Hunger, elende Wohlverhältnisse und ein Mangel an sauberem Trinkwasser schaffen eine Lebenssituation, die krank macht. Medikamente spielen unter solchen Bedingungen sicherlich nur eine untergeordnete Rolle für die Gesundheit der Menschen – die Bekämpfung der Armut steht hier an erster Stelle. Trotzdem haben Menschen weltweit ein Recht auf wirksame Medikamente. Ich glaube nicht, dass DER EWIGE GÄRTNER die Handlungsweise der internationalen Pharmakonzerne ändern wird. Er könnte aber – und das wäre schon der beste aller Fälle – die Aufmerksamkeit des Publikums auf gewisse weit verbreitete Praktiken von Big Pharma lenken und auf bescheidene Weise dazu beitragen, dass der Boden für ein verantwortungsbewussteres Verhalten bereitet wird. Wie abhängig unsere Gesundheit vom Wohlbefinden anderer ist, machen wir uns selten bewusst. Doch die persönliche Gesundheit – so schreiben Charles Medawar und Anita Hardon1

  • „ist letztendlich abhängig von der Gemeinschaft: So, wie du davon profitierst, wenn andere nicht niesen oder rauchen, so profitierst du auch davon, wenn andere gut versorgt und zufrieden sind, wenn sie nicht unterdrückt, betrunken, verzweifelt sind oder sich zu Tode konsumieren.“


Und dieser Zusammenhang gilt mehr denn je für eine globalisierte Welt. Unsinniger Überkonsum hierzulande und Mangel an wichtigen Arzneimitteln in armen Ländern sind zwei Seiten derselben Medaille. Erst wenn hierzulande die Einsicht siegt, dass nicht jede Medizin gute Medizin und weniger oft mehr ist, dann sind die Weichen für eine bessere Arzneimittelversorgung in der Dritten Welt gestellt. Erst dann ist es für Firmen nicht mehr profitabel, Unsinniges auf den Markt zu bringen. Ihr kritisches Verbraucherverhalten trägt dazu bei – zum Nutzen aller. Akifra e.V im September 2006 Quellen u.a. BUKO , HAI


Vorstand Akifra e.V. | Mittwoch,09. August 2006 | Dem Autor eine E-Mail senden | zurück | nach oben

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